Geschichtliche Entwicklung des Kun-Tai-Ko

Soke Lucien V. Ott

 

Kun-Tai-Ko ist eng mit der Person von Professor Lucien Victor Ott verknüpft. Er war ein hochgraduierter Meister in verschiedenen Systemen und entwickelte 1957 in Paris die Kampfkunst Kun-Tai-Ko. Er hatte zur damaligen Zeit bereits die Graduierungen 7. Dan Ju-Jitsu, 7. Dan Karate-Do und 1. Dan Judo.

 

Geboren wurde Lucien V. Ott am 21.12.1931 in Algerien. Im Jahre 1950 kam er zur französischen militärischen Nahkampftruppe, der Ecole d'Education Militaire et du Combat in Pau, Frankreich. In verschiedenen Einsätzen in Algerien und Südostasien machte er seine Erfahrungen in extremen Kampfsituationen. Er war ein Veteran der französischen Fremdenlegion und überlebte als einer der Wenigen die blutige Schlacht von Dien Pien Phu/Indochina 1954.

Professor Ott war später Chefausbilder der königlich belgischen Polizeiakademie und über ganz Belgien hinweg bei Kampfsportlern sowie den Polizei-, Sicherheits- und Militäreinheiten bekannt und respektiert. Prof. Ott arbeitete lange Zeit als Bodyguard für französische Politiker, unter anderem als persönlicher Leibwächter für Präsident Charles De Gaulles und als Leiter einer französischen Bodyguard-Elitetruppe.

Neben seiner Tätigkeit als Bodyguard wirkte er auch als Stuntman an vielen französischen und amerikanischen Filmprojekten mit. Seine Fähigkeiten in den Kampfkünsten und sein professioneller Background als politischer Sicherheitsbeamter brachten ihn schließlich dazu, ein höchst effektives Kampfsportsystem zu kreieren, das auf seinen praktischen Erfahrungen basierte.

Als 1957 sein Sensei Murakamii, aus Japan nach Paris kam, um dort seine erste Schule für Shotokan zu eröffnen, trafen sich diese zwei Experten zu einem entscheidenden Gespräch. Hierbei wurden viele Konzepte und Prinzipien der Kampflünste erörtert. Das Ziel war, ein System ohne überflüssige Schwerfälligkeiten aufzubauen.

So wurde schließlich der Name Kun-Tai-Ko besprochen. Der Begriff Kun-Tai-Ko stammt aus dem Buch der Veränderungen und bedeutet etwa "Mächtiger Kleiner Körper", was den Grundgedanken dieser Kampfkunstexperten zum Ausdruck bringt:

Sich auch mit einem schwachen Körper in einer Notsituation kräftig verteidigen zu können !

In den folgenden Jahren nach der Gründung verbreitete sich Kun-Tai-Ko in Deutschland, Frankreich und Belgien. In Belgien deshalb, weil Prof. Ott seinen Wohnsitz nach Brüssel verlegte und dort sein Hombu Dojo eröffnete.

Nach nur wenigen Jahren wurde Prof. Ott berufen, für die World Ju-Jitsu Federation in Belgien als Präsident zu fungieren und wenig später als Vize-Präsident der WJJF für Deutschland. Er gründete die mittlerweile wohl weltweit größte Bodyguard-Vereinigung, die IBA (International Bodyguard Association). In diesem Zusammenhang war er verantwortlich für die Ausbildung vieler Polizeiganisationen, Sondereinheiten der Militärs, sowie von Detektiven und Personenschützern in aller Welt. Darüber hinaus war er Autor zweier Bücher über Selbstverteidigung und Kampfkunst. Er erlangte schließlich den 10. Dan Kun-Tai-Ko.

Prof. Ott´s letztes Großprojekt vor seinem Tod 1990 war die Ausarbeitung der Sicherheitsmaßnahmen als Oberster Sicherheitsberater für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona/Spanien. Nach seinem tragischen Tod hinterließ er viele Anhänger, die in ihm ein ewiges Vorbild sehen und in seinem Namen sein Werk fortführen. Viele seiner Techniken werden noch heute in Sicherheitsorganisationen weltweit angewandt.

 

Das Dojo München

 

Nach dem Tod von Soke Ott wurde seine Lehre von seinem direkten Schüler, Shihan Jim van de Wielle (Belgien), weitergeführt und aufrechterhalten.

In Deutschland konzentrierte sich die Bildung von Dojos zunächst auf die Region Süddeutschland, insbesondere durch Shihan Norbert Punzet, der ebenfalls noch von Soke Ott direkt unterrichtet wurde.

Die Schüler von Soke Ott und Shihan Punzet, v.a. Alfred Kleinschwärzer, Adolf Bernard jun. und Raimund Herold (Schweiz) gründeten eine Reihe von Dojos in Deutschland, Belgien und der Schweiz, aus denen wiederum eine neue Generation von Sensei hervorging, die nicht nur durch herausragende Turniererfolge glänzten, sondern Kun-Tai-Ko in Europa weiter verbreiteten.

Sensei Christian Hörberg, ein Schüler von Shihan Kleinschwärzer, gründete 1990 das Kun-Tai-Ko Dojo München beim SV Neuperlach und baute durch großes Engagement eine erfolgreiche Trainingsstätte in München auf, die seit ihrem Bestehen mehrere hundert trainingsbegeisterte Erwachsene und Kinder in ihren Reihen hatte. Bisher gingen aus diesem Dojo elf weitere Dan-Träger hervor.

Seit 1998 wird das Münchner Dojo von Sensei Martin Klamt geleitet, der zusammen mit den Sensei Thomas Eichinger und Andreas Dieckmann die Lehre von Soke Ott fortentwickelt und an seine Schüler vermittelt.